Der Strom der Zukunft: erneuerbar, aber teuer

Stadtwerke-Geschäftsführer Friedrich Husemann über die Folgen der Energiewende

Die Energiewende und mit ihr einhergehende neue Umlagen sorgen für steigende Strompreise. Und ein Ende scheint nicht absehbar. Im Salzperle-Interview spricht Stadtwerke-Geschäftsführer Friedrich Husemann ganz offen über die teure Strom-Zukunft. Er gibt aber auch Spar-Tipps.

SALZPERLE: Herr Husemann, die Umlage zur Förderung erneuerbarer Energien ist zum Jahresanfang um rund 47 Prozent auf knapp 5,3 Cent gestiegen. Das ist seit Oktober 2012 amtlich. Die Strompreise sollen in den nächsten Jahren weiter explodieren. Von bis zu 70 Prozent in den nächsten zehn Jahren ist die Rede. Ist das mediale Panikmache oder nur der Anfang einer Preislawine?

Friedrich Husemann: Leider scheint das von Ihnen beschriebene Szenario Wirklichkeit zu werden; aus unserer Sicht ist durchaus mit Preissteigerungen in der genannten Größenordnung zu rechnen. Die steigenden Energiepreise haben inzwischen aber auch eine Debatte über Verteilungsgerechtigkeit ausgelöst, der wir uns stellen.

SALZPERLE: Wie sieht es mit dem Strompreis in Schönebeck aus, wie hat er sich in der Vergangenheit entwickelt? Und von wie viel Prozent Preissteigerung müssen die Schönebecker ausgehen, 2013 und in den kommenden Jahren?

Husemann: Es zeigt sich folgende Entwicklung in Schönebeck:

Zahlte der Verbraucher 2007 noch 19,35 ct/kWh, so zahlt er ab Januar 2013 27,76 ct/kWh (Tarif: SWS-Treue). Das entspricht einer Preissteigerung innerhalb der letzten fünf Jahre um etwa 30 %. Bezogen auf einen 4-Personen-Haushalt mit einem durchschnittlichen Jahresverbrauch von 3500 kWh bedeutet dies einen Kostenanstieg von 677 EUR im Jahr 2007 auf 971 EUR heute in 2013. Der Anteil der Steuern und Abgaben am Gesamt-Preis einer Kilowattstunde betrug 2007 noch 7,78 ct und erhöhte sich 2013 auf 14,05 ct – und beträgt damit 51 % des Preises für 1 Kilowattstunde. Die Stadtwerke schaffen für ihre Kunden Sondertarife, wie den SWS-TransparentStrom, um durch Festpreisgarantien für den SWS-Preisbestandteil in Abhängigkeit von der gewählten Laufzeit kommende Preiserhöhungen für ihre Kunden abzumildern.

SALZPERLE: Umweltminister Altmaier wirft einigen Energieversorgern vor, dass sie mit ihrer Preiserhöhung deutlich über der Erhöhung durch das EEG liegen. Die Börsenstrompreise sind seinen Worten zufolge seit dem vergangenen Jahr deutlich gesunken. Der Bund der Energieverbraucher warnt gar vor Abzocke. Was ist dran an diesen Äußerungen?

Husemann: Die steigende Einspeisung aus erneuerbaren Energien bewirkt eine preissenkende Wirkung am Spotmarkt der Strombörse. Das ist richtig. Leider hat das wenig Einfluss auf die Endkundenpreise.

Machen wir an dieser Stelle die Probe aufs Exempel:

Umlagen

2012

2013

Differenz

Netzentgelte5,0806,0600,980
EEG-Umlage3,5925,2771,685
Offshore (neu)0,0000,2500,250
KWK0,0020,1260,124
§ 190,1510,3290,178

Die Summe der maximal möglichen Umlage der gestiegenen Steuern und Abgaben beträgt somit 3,217 ct/kWh.

Die tatsächliche SWS-Preiserhöhung von 2012 auf 2013 beträgt 3,237 ct/kWh.

Zusammengefasst bedeutet das, dass wir mit 0,02 ct/kWh über der Erhöhung der Umlagen liegen; wir allerdings auch Kostensteigerungen (Benzin, Personal, Sachkosten) aufzufangen hatten – wo bitte schön soll da die „Abzocke“ stattfinden?

SALZPERLE: Was beinhaltet die Energiewende konkret und warum kostet sie so viel Geld?

Husemann: Die Bandbreite, was unter Energiewende konkret zu verstehen ist, ist inzwischen sehr groß und pendelt etwa zwischen „riesiges Umverteilungsprogramm“ bis „ökologisches Wunderland“ je nach politischer Verortung. Wir sehen in der Energiewende nicht nur den Ausstieg aus der Kernenergie; sie ist weit mehr – nämlich ein gigantisches technisches Energie-Infrastrukturprojekt und somit ein Testfall, ob in relativ kurzer Zeit die energiewirtschaftlichen Grundlagen einer Industrienation vollkommen verändert werden können. Und dieser Umbau kostet natürlich viel Geld, auch viel unnötiges, wie zum Beispiel durch falsche finanzielle Anreize, die die Förderung erneuerbarer Energien setzt und alle Stromverbraucher – Privathaushalte wie Unternehmen – viel zu viel belastet. Ein weiterer Kostentreiber ist der künftige Ausbau der Energienetze, um den Strom aus Nordostdeutschland dahin zu transportieren, wo der Strom gebraucht wird – in den Süden der Republik. Dazu kommen erhebliche staatlich verursachte Kosten, wie Stromsteuer, Offshore-Umlage und die sogenannte §-19-Umlage (§ 19 Absatz 2 StromNEV).

SALZPERLE: Wer profitiert und wer muss schlussendlich tiefer in die Tasche greifen?

Husemann: Es profitieren viele – die Solardachbesitzer, die Windradbetreiber, das örtliche Handwerk, chinesische Solarhersteller – aber auch die Stadtwerke profitieren ganz klar von der Energiewende, denn das Abschalten der Kernkraftwerke führt zum Ausbau der dezentralen Stromerzeugung – auch bei uns in Schönebeck.

Derzeit steuern wir allerdings – wenn es letztlich um die Frage des Strompreises geht – auf eine fatale Entwicklung zu. Die Akzeptanz der Energiewende durch die Verbraucher droht zu kippen, wenn die Belastungen derart steigen, dass künftig die Energiepreise nicht mehr bezahlt werden können. Insbesondere die schon genannten Ausnahmeregelungen für die Industrie sind kritisch zu sehen, denn je weniger Kunden die Gesamtbelastungen tragen, desto höher sind die Belastungen für diese. Energieintensive Unternehmen mit weltweit gefragten Produkten sind für die gesamte Industrie unerlässlich und müssen entlastet werden; aber Industriepolitik ist Sache des Staates, nicht der Stromverbraucher.

SALZPERLE: Lohnt sich für den Otto-Normal-Verbraucher die Investition in erneuerbare Energien, etwa in eine Solaranlage auf dem Dach?

Husemann: Das kommt auf die Betrachtung und auf die individuellen Gegebenheiten an. Die Entscheidung pro oder contra eine PVAnlage ist vergleichbar mit einer unternehmerischen Investitions-Entscheidung wie zum Beispiel: ich brauche ein geeignetes Objekt, ich brauche Finanzmittel, ich tätige eine technische Investition mit allen Risiken (kann kaputtgehen etc.)

Die Risiken dabei: Unklarheit, welche Vergütung in Zukunft, Stabilität der Solaranlage etc.

Die Vorteile: bei entsprechender Optimierung der Anlage kann sie so ausgelegt sein, dass der eigenverbrauchte Strom sehr günstig ist (14 ct). Der Einsatz von PV-Anlagen ist durch Förderprogramme nicht unattraktiv, denn jede eingespeiste Kilowattstunde wird nicht nur vergütet, sondern zusätzlich mit einem Förderbonus gefördert – und das über einen Zeitraum von 20 Jahren.

Aber: die Fördermittel für neu errichtete PV-Anlagen werden nun stufenweise abgeschmolzen und überarbeitet.

SALZPERLE: Können Sie unseren Lesern Tipps geben, wie sie Energie in den eigenen vier Wänden einsparen können? Denn das war ja einst auch mal das Ziel der vorigen rot-grünen Bundesregierung, die im Jahr 2000 das Erneuerbare Energien Gesetz, kurz EEG, auf den Weg gebracht hat …

Husemann: Energiesparen ist die wirksamste Methode auf dem Weg der Energiewende, denn jede nicht verbrauchte Kilowattstunde muss nicht bezahlt werden. Jeder muss letztlich für sich entscheiden, wo er sparen kann, ohne auf Lebensqualität zu verzichten.

Tipps:

  • Gute Dämmung, intakte Fenster (Hinweis: SWSService: Thermographie für SWS-Kunden)
  • Optimierung der Beleuchtung, Umstieg auf LED
  • Beim Kauf von elektrischen Geräten auf Netzschalter, Energieeffizienzklassen etc. achten
  • Stand-by-Einstellungen überdenken – sie verbrauchen viel Strom, bis zu 150 EUR pro Jahr können damit gespart werden.

Empfehlung: Die Stadtwerke halten im Stadtwerkehaus Messgeräte für ihre Kunden bereit, die man sich ausleihen kann. So können „Stromfresser“ aufgespürt werden; Energieberatung, bzw. Energiesparberatung für Privathaushalte und für Gewerbe wird immer größeren Stellenwert einnehmen, auch die SWS verstärkt hier künftig entsprechende Aktivitäten.

SALZPERLE: Vielen Dank für Ihre Energie und das angenehme Gespräch.