„Großartige Symbiose der Bevölkerung“

Nachgefragt: OB Hans-Jürgen Haase zur brisanten Wasser-Situation.

Das Wasser zieht sich langsam zurück. Das große Aufräumen hat begonnen. Doch Normalität ist längst nicht eingekehrt. Die Nerven liegen bei Betroffenen und Helfern gleichermaßen blank. Die Salzperle hat am 12. Juni mit Oberbürgermeister Hans-Jürgen Haase über die aktuelle Situation und mögliche Folgen des Hochwassers gesprochen.

SalzPerle: Herr Haase, wie ist die Situation aktuell?

OB Hans-Jürgen Haase: Immer noch sehr kritisch. Erst ab einem Pegel von 6,30 Meter können wir von einem beherrschbaren Hochwasser sprechen. Es können immer noch Schäden an den Deichen auftreten.

SalzPerle: Die Lage im Altstadtbereich entspannt sich langsam. Aber auf ostelbischer Seite sind Einwohner noch immer evakuiert …

OB Haase

OB Haase

Haase: Die Deiche sind zum Teil weich wie Pudding, bei Ranies gab es einen etwa zehn Zentimeter langen Riss. Der konnte zum Glück gestopft werden. Die Evakuierungen konnten inzwischen aufgehoben werden.

SalzPerle: Zum Glück sind Tausende Helfer dabei. Nicht nur von Bundeswehr und Hilfsorganisationen, sondern auch Freiwillige aus der Bevölkerung. Wie empfinden Sie das Engagement?

Haase: Es ist eine unheimliche Symbiose der Bevölkerung. Die Solidarität ist beispiellos. Auch die Einsatzkräfte, die von außen gekommen sind, haben ihr Letztes gegeben. Es waren knapp 3.000 Kräfte von Bundeswehr, Feuerwehr, THW, DLRG, DRK im Einsatz. Dazu die Einwohner. Wer keine Sandsäcke geschippt und gelegt hat, hat sich um die Versorgung gekümmert.

SalzPerle: Im Jahr 2002 wurde von der Jahrhundertflut gesprochen. Haben Sie damit gerechnet, dass der Pegel von 7,02 Meter nochmals übertroffen werden könnte? Und dann auch noch um mehr als einen halben Meter …

Haase: Absolut nicht. Das hat wohl auch niemand. Auch mein Krisenstab hat mir vor meinem Urlaub gesagt, dass zwar Hochwasser kommt, aber dass es beherrschbar sei. Hätte es anderslautende Prognosen gegeben, wäre ich auch nicht in den Urlaub gefahren.

SalzPerle: Auch in Magdeburg hieß es, die Stadt sei absolut sicher. Oberbürgermeister Lutz Trümper hat dies auch so kommuniziert und wird dafür jetzt von vielen angegriffen. Ihnen geht es jetzt ähnlich …

Haase: Ja, damit muss ich jetzt umgehen. Wir müssen uns nun aber mit dem Wasser beschäftigen. Es ist ja nicht nur das Hochwasser. Bei uns in Schönebeck kommen nun noch Dräng- und Grundwasser dazu. Wir liegen hier am tiefsten Punkt, von überall kommt Wasser. Das Thema wird uns noch über viele Jahre beschäftigen.

SalzPerle: Das klingt nicht danach, als ob schon bald Normalität einkehren kann.

Haase: Leider nicht. Wir müssen uns jetzt intensiv mit den Problemen befassen, ansonsten geht meine Bevölkerung hier jämmerlich unter.

SalzPerle: Das heißt konkret?

Haase: Die Maßnahmen in Bezug auf das Grundwasser werden angegangen. Der Abfanggraben entlang der B 246 a kommt. Die geplante Tiefendrainage wird auch helfen. Aber das wird Jahre dauern, bis sie fertig ist. Sie hat dann in etwa den gleichen Effekt wie das Traktoren- und das Wasserwerk hatten, die viel Wasser gezogen haben. Auch mit der Umsetzung des Konzepts der Niederschlagswasserbeseitigung beschäftigen wir uns nun intensiv.

SalzPerle: Der Solgraben hat sich ja auch zu einer Seenlandschaft ausgebreitet. War nach dem Hochwasser 2002 nicht ein Siel angedacht, das das Wasser in Frohse zurück in die Elbe drücken sollte?

Haase: Das wollten wir machen. Flussbereichsleiter Christian Jung hatte uns damals noch gesagt, dass das nicht notwendig sei. Aber wir sahen nun, wir brauchen das Siel mit Schöpfwerk.

SalzPerle: Das Aufräumen hat ja schon begonnen. Wann kehrt wieder Normalität ein?

Haase: Das kann ich noch nicht sagen. Es wird ein langwieriger Prozess. Jeder in der Stadt ist ja irgendwie betroffen. Entweder vom Hoch-, vom Dräng- oder Grundwasser.

SalzPerle: Können Sie sich weitere Jahrhundertfluten vorstellen?

Haase: Ich glaube, dass war noch nicht das Ende. Wir haben den Hochwasserschutz nach 2002 ja schon für 30 Zentimeter mehr ausgerichtet. Doch es kam noch höher. Wobei man sagen muss, dass wir unterm Strich noch mit einem blauen Auge davon gekommen sind. Letztendlich zeigt uns die Natur, wo es lang geht, nicht wir der Natur.