Suppe & Seele: weit mehr als warmes Essen

Ein sozialer Treff, der zum „Haus der Temperamente“ geworden ist

Wenn Küchenchefin Rita Schäfter dampfendes Gulasch auf die Teller füllt und fast alle Tische im großen Raum besetzt sind, dann gibt es Mittagessen im sozialen Treff „Suppe & Seele“. In Zeiten sozialer Kälte treffen Bedürftige hier auf längst nicht mehr übliche Herzlichkeit und warme Worte. Hier tut nicht nur Suppe der Seele gut. Hier hilft die Gemeinschaft, die Geldsorgen eines jeden Einzelnen zumindest für ein paar Stunden vergessen zu lassen. Geschäftsführerin Monique Krause nennt die Einrichtung liebevoll „Haus der Temperamente“. Weil es so ist, wie es ist. Offen für die unterschiedlichsten Charaktere, die Zuflucht suchen.

„Zu Hause höre ich nur die Uhr ticken. Da ist nichts mehr.“ Roswitha Seubert lässt ihren Blick durch den großen Raum schweifen. Die eben noch vorhandene Traurigkeit in ihren Augen weicht einem Lächeln auf den Lippen. Ihr wird warm
ums Herz. Sie ist nicht mehr allein. Und auch nicht mehr einsam. Kaum ein Tag vergeht, an dem sie nicht zumindest zum Mittagessen in den sozialen Treff „Suppe & Seele“ kommt.

Gulasch und Kartoffeln munden Roswitha Seubert. Wichtiger als die warme Mahlzeit ist der Rentnerin aber, in Gemeinschaft zu essen.

Gulasch und Kartoffeln munden Roswitha Seubert. Wichtiger als die warme Mahlzeit ist der Rentnerin aber, in Gemeinschaft zu essen.

Heute steht ein dampfender Teller Gulasch vor ihr, dem sie sich genüsslich widmet. Neben ihr sitzen Menschen, die innerhalb weniger Monate zu Freunden geworden sind. Mit denen sie lachen oder auch über ernste Themen reden kann. „Wie eine große Familie“ empfindet die 65-Jährige den Treffpunkt an der Welsleber Straße. Das war nicht immer so. Bekannte haben sie gut einen Monat nach Eröffnung der Suppenküche im Sommer 2009 überredet, einmal mitzukommen. „Ich hatte Scheu“, gesteht die gelernte Gussdreherin, die im Alter von 58 Jahren arbeitslos wurde. „In dem Alter bekommst du doch als Frau keine Arbeit mehr“, erinnert sie sich an die Perspektivlosigkeit, mit der sie vor sieben Jahren konfrontiert wurde. Plötzlich „musste ich mit jedem Cent rechnen.“ Dennoch hatte sie Bedenken, ihren Bekannten zu folgen. Nicht unbedingt, weil sie sich eingestehen musste, zu den Bedürftigen zu zählen. Eher wegen ihrer Vorurteile. Hatte sie doch schon negative Berichte über ähnliche Einrichtungen im Fernsehen gesehen. Doch diese bestätigten sich hier nicht. Im Gegenteil. Gepflegte Räume, ruhige und gemütliche Atmosphäre …

Von Anfang an fühlte sich die Rentnerin gut aufgehoben. Und das Essen für 50 Cent mundet ihr immer noch bestens. Sie genießt aber vor allem die Wärme, die ihr in den einstigen Discounter-Räumen entgegengebracht wird. Nicht nur von anderen, die ihr Schicksal teilen oder denen es noch schlechter geht. Sondern vor allem vom Team, das ihr stets mit erfrischender Herzlichkeit begegnet.

Roswitha Seubert ist nur eine von rund 4.000 Bedürftigen in der Stadt. Nicht alle machen sich auf den Weg zu „Suppe & Seele“. In den mehr als drei Jahren, die der Treff nun existiert, sind es aber immer mehr geworden. Inzwischen gehen mittags bis zu 250 Essen über den Tresen. Zum Frühstück und Abendessen sind es etwas weniger. Was gekocht wird, hängt davon ab, welche Lebensmittelspenden von diversen Supermärkten und Discountern eingehen.

Bis sich die Einrichtung etablieren konnte, hat es eine Weile gedauert. Anfangs hatten Geschäftsführerin Monique Krause und ihre Mitstreiter mit einigen Hindernissen zu kämpfen. Gemeinsam mit 15 engagierten Magdeburgern hatte sie den gemeinnützigen Verein „Vigaro“ gegründet, um dort Hilfe zu leisten, wo sie gebraucht wird. Dass die Stadt Schönebeck „ein weißer Fleck“ gewesen sei, was Hilfe für Bedürftige betraf, habe dort zunächst niemand so richtig wahr haben wollen, wie Sozialpädagoge Gorm Geißler beim Rundgang erzählt. Doch die Visionäre ließen sich nicht von ihrem Weg abbringen. Gleichwohl der Verein auf Spenden angewiesen ist und ganz genau rechnen muss, ist seine Geschichte schon nach einigen spannenden Kapiteln eine erfolgreiche. Eine, die auf mehreren Säulen aufgebaut ist. Die Beutelausgabe ist die zweite.

Kartoffeln können länger gelagert werden. Eveline Pusch ist bei „Suppe & Seele“ für die Waren - kontrolle zuständig.

Kartoffeln können länger gelagert werden. Eveline Pusch ist bei „Suppe & Seele“ für die Waren – kontrolle zuständig.

Geißler geht am Tresen und den Tischen vorbei und steuert auf genau diese Ausgabe zu. Dabei schüttelt er unzählige Hände. Immer mit einem Lächeln auf den Lippen. Ehrliche Freundlichkeit, die bei den Menschen ankommt. Auch Hans-Joachim Guhl begrüßt er per Handschlag. Der 68-Jährige hat soeben für einen Euro seinen Lebensmittelbeutel abgeholt. „Das reicht für eine Woche“, erzählt der Rentner bescheiden und zeigt, was sich in der großen Tüte alles befindet. Frisches Obst und Gemüse, Wurst und Käse, Jogurt und Brot … Der Schönebecker freut sich. „Ich habe mich noch nie geschämt, hierher zu kommen“, sagt er aufrichtig. Er kennt hier fast alle, hat in der Anfangszeit sogar geholfen. „Hier sind immer nur lächelnde Gesichter“, sagt er mit Blick durch die Runde.

Inzwischen sind gut hundert Menschen im Raum. Einige essen bereits, andere stehen noch am Tresen. Wieder andere holen sich einen Lebensmittelbeutel. Dennoch herrscht weder Hektik noch Unruhe. Die Harmonie ist greifbar, das Wir-Gefühl nahezu unantastbar, die uneingeschränkte Hilfe der inzwischen sieben Festangestellten spürbar. Und dass die tafelähnliche Einrichtung in der Stadt gebraucht wird, ist unverkennbar. Denn hier kommt niemand her, der nicht wirklich belegbar bedürftig ist.

Schräg gegenüber der Beutelausgabe öffnet Geißler die Tür zum Kleidermarkt – die dritte Säule. Zum Teil neue, zum Teil gut erhaltene getragene Sachen können hier zum Kleinstpreis erworben werden. Vom Kind bis zum Erwachsenen: Bedürftige können sich hier von Kopf bis Fuß einkleiden. Auch hier ist der Bedarf groß. Doch Zuwendung sei nicht nur auf materiellem Wege wichtig, weiß der Sozialpädagoge. Aus diesem Gedanken heraus sind mehrere Projekte entstanden, die sich hauptsächlich der sinnvollen Freizeitbeschäftigung widmen. Kinderfilmtheater, Natur-Sinneswelten, „Freie Kunst Schönebeck“: Der Verein holt sich immer wieder Partner mit ins Projekt-Boot, um für Kinder und Jugendliche Angebote schaffen zu können.

Die Tüte ist – wie jedes Mal – gut gefüllt. Rentner Hans-Joachim Guhl (68) kommt mit einem Lebensmittelbeutel eine ganze Woche aus.

Die Tüte ist – wie jedes Mal – gut gefüllt. Rentner Hans-Joachim Guhl (68) kommt mit einem Lebensmittelbeutel eine ganze Woche aus.

Gerade auch jetzt in der beginnenden Adventszeit werden die Armen nicht allein gelassen. Im sozialen Treff können Jung und Alt besinnliche Stunden verbringen. Weil es nicht nur in dieser anheimelnden Zeit Menschen gibt, die an jene denken, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen.

An Heiligabend wird ein Drei-Gänge-Menü serviert. Das hat schon Tradition. Bei so viel sozialem Engagement fühlt sich niemand mehr bedürftig, sondern einfach nur wohl.

Jeder Euro hilft.
Wer spenden möchte, überweist bitte auf das folgende Konto:
Spendenkonto: Vigaro e.V.
Konto: 300 019 708
BLZ: 800 555 00 (Salzlandsparkasse)

One Response to Suppe & Seele: weit mehr als warmes Essen

  1. Thomas sagt:

    Suppe und Seele so wichtig für Sbk und Ihre Menschen… helfe wo ich kann…
    danke das es Monique und Ihr Team gibt…

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