Zwischen Finanzsorgen und Zukunftsvisionen

Oberbürgermeister Hans-Jürgen Haase zieht Bilanz und wagt eine Vorschau

Grundwassersorgen, sinken de Einnahmen, klamme Kassen: Die Situation ist keinesfalls einfach. Oberbürgermeister Hans-Jürgen Haase kämpftan mehreren Problem-Fronten. Sparzwänge auf der einen Seite, Zukunftsvisionen auf der anderen: Den Balanceakt versucht das Stadtoberhaupt gemeinsam mit den Stadträten zu meistern. Salzperle-Redakteurin Sabine Lindenau traf Haase, um auf ein ereignisreiches Jahr zurückzublicken, aber auch um eine Vorschau zu wagen.

Salzperle: Herr Haase, Sie sind jetzt 65 Jahre alt und könnten eigentlich Ihren Ruhestand genießen. Warum tun Sie sich den Stress als Oberbürgermeister weiterhin an?

Hans-Jürgen Haase: Zum Einen läuft meine Amtszeit bis 2015 und ich bin ein Mensch, der eine Aufgabe gern zu Ende bringt. Im Augenblick bin ich noch nicht so weit, dass ich sagen kann, ich habe einen Abschnitt erreicht, den ich als beendet erklären kann. Ich möchte meine(m)r Nachfolger(in) etwas in die Hand geben, womit sie oder er arbeiten kann und dann mit ruhigem Gewissen aus dem Amt treten.

Salzperle: Ein ambitioniertes Ziel. Was gilt es bis zum Ende Ihrer Amtszeit in zwei Jahren noch zu erreichen?

Haase: Einiges. Ich glaube sagen zu können, dass wir seit meinem Amtsantritt 1990 schon viel geschafft haben. Mit der Infrastruktur sind wir fast fertig. Damals war der Verlust der großen Industriebetriebe, z. B. des Traktorenwerkes, sehr schmerzhaft. Aber wir haben es hinbekommen, u. a. dieses Areal schon in den 90-iger Jahren zu revitalisieren und dort das erste Industriegebiet zu realisieren. Das war mutig, weil alle anderen Kommunen nur die grüne Wiese erschlossen haben. Daraus ist eine Erfolgsgeschichte geworden, auf die ich stolz bin. Und es ist nicht das einzige aus Altlasten entwickelte Gewerbegebiet. Denken wir nur an das frühere Lackharz- bzw. Dieselmotorengelände oder das frühere Sprengstoffwerk mit seinen Betriebsgeländen auch mitten in der Stadt gelegen. Parallel dazu haben wird in den 90-er Jahren Bad Salzelmen über unser Sanierungsprogramm komplett erneuert. Der erreichte Heilbad-Status ist sehr wichtig für das Image unseres Standortes. Doch Manches gerät heute in Vergessenheit. Probleme wie das Grundwasser überspülen es. Um dieses anzugehen, habe ich Arbeitsgruppen gegründet, um u. a. mit der Hochschule Magdeburg-
Stendal und dem Umweltministerium Maßnahmen dagegen zu entwickeln und dazu auch Gutachten in Auftrag gegeben. Das Niederschlagswasserbeseitigungskonzept für unsere Stadt soll noch in diesem Jahr vorliegen. Daraus können wir dann weitere Maßnahmen ableiten.

Salzperle: Wie ist es dazu gekommen, dass die Keller in manchen Teilen der Stadt ob des steigenden Grundwassers vollgelaufen sind und es immer noch tun?

Haase: Schönebeck, speziell Felgeleben-Sachsenland, liegt im Einzugsgebiet der Vorharz-Gewässer. Alles Wasser, was dort vorhanden ist, sammelt sich irgendwann bei uns, weil wir an der tiefsten Stelle liegen. Und wenn es dann auch noch stark regnet, sind die Keller voll. Das Problem ist kein unbekanntes. Es war nur jahrelang nicht akut, weil z. B. das Traktorenwerk ein eigenes Heizkraftwerk hatte, das eine starke Grundwasserabsenkung bewirkte. Unsere Altvorderen wussten, dass dies nicht der eigentliche Grundwasserspiegel ist. Mit der Einstellung dieses Heizkraftwerkes und der noch vorhandenen Wasserwerke stieg auch das Grundwasser wieder auf die ursprüngliche Höhe. Die großen, massiv bodenversiegelten Wohngebiete tun ihr Übriges. Nun gehen wir davon aus, dass das genannte Konzept Lösungsansätze ermöglicht.

Salzperle: Eine große Aufgabe, die auch viel Geld verschlingt. Bleibt da noch Zeit, andere investive Pläne zu verwirklichen?

Haase: Die Finanzierung ist ein Thema für sich, zu Mal es sich um eine freiwillige Aufgabe im Sinne des Gesetzes handelt. Aber auch die Landesregierung sitzt an unserer Seite im Boot. Die weitere Entwicklung ist sicher nicht einfach. Zumal wir trotz solider Haushaltsführung bis 2018 in der Konsolidierung stecken. Seit wir nicht mehr Kreisstadt sind, haben wir zudem keinen leichten Stand im Salzlandkreis. Wir müssen das Beste aus unserer Lage machen. Strategische Überlegungen sind gefordert. Was Details angeht, wollen wir zum Beispiel in den nächsten Jahren den Marktbereich und die Innenstadt neu gestalten, wenn es nach uns geht mit der Gleichberechtigung von Fahrzeugen, Radfahrern und Fußgängern. Die Geschwister-Scholl-Straße muss endlich saniert werden. Ansonsten sind wir, was Infrastrukturmaßnahmen betrifft, durch, wie man so sagt. Die Elbbrücke der Umgehungsstraße ist fast fertig. Sie ist zwar kein städtisches Projekt, wird aber wohl ein neues Wahrzeichen der Stadt. Die Umgehung brauchten wir u. a. auch, um Bad Salzelmen als Kurort halten zu können und parallel die Altstadt zu beruhigen. Auch die neue Anbindungsstraße der östlichen Gewerbegebiete um die Innenstadt herum dient diesem Ziel und ist unser größtes Investitionsobjekt im Infrastrukturbereich.

Salzperle: Woran liegt es, dass Schönebeck nicht eben pulsiert?

Haase:Die Nähe zu Magdeburg ist aus meiner Sicht einer der Hauptgründe. Die Leute fahren zum Einkaufen oft dorthin, da viele Bürger sehr mobil sind. Hinzu kommt, dass die Stadt durch die Eisenbahn geteilt ist. Die Salzelmer hier, das Zentrum mit der Altstadt dort. Und dann kommen noch die Frohsianer, die Felgeleber/Sachsenländer, die sich immer noch als eigenständig begreifen. Wir haben acht Stadtteile, davon fünf auf der anderen Seite der Elbe, die nicht wirklich harmonieren, was aber auch z. T. an der Trennung durch den großen Fluß liegt. Identifikation vor Ort ist wichtig, aber man darf nicht das große Ganze, Verbindende vergessen.

Salzperle: Das klingt alles nicht so positiv. Was ist mit dem Elbufer, steckt da nicht Potenzial?

Haase: Auf jeden Fall. Das ist ein zentrales Thema. Sehr schöne und positive Ansätze sind auf jeden Fall vorhanden. Das Schöne ist, dass nur auf einer Seite gebaut werden darf. Damit ist der unverbaubare Elbeblick bei einer großen Naturnähe
garantiert. Das Elbufer ist ein 1-a-Wohnstandort. Ich gebe dem gesamten Gelände sehr große Chancen, zumal das Landratsamt ihren Standort am Cokturhof aufgibt.

Salzperle: Mit dem Umbau der Salineinsel zum Bürgerpark gehen Sie als Stadt ja schon einen großen Schritt in Richtung Elbufer-Erschließung …

Haase: Ja. Es ist ja ein Projekt noch aus der IBA heraus. Wir hoffen, dass auch Investoren das Potenzial entdecken, sich dort mit anzusiedeln. Hier geht es aber vorrangig um den Freizeitbereich. Und auch darum, der Innenstadt, den Bürgern allgemein, etwas Schönes für ihre Erholung zu bieten.

Salzperle: Wenn Sie drei Wünsche zu Weihnachten frei hätten, welche wären das?

Haase: Ich würde mir Investoren wünschen, die erkennen, wie wunderbar man an der Elbe wohnen kann. Natürlich würde ich mich ebenso über neue Industrieansiedlungen freuen. Sehr gute Beispiele sind ja schon vorhanden. Wir setzen vor allem auf den Mittelstand, der sich vor allem im Industriepark West weiter etablieren soll und muss. Eine starke Innenstadt ist auch ein Wunsch von mir. Aber das ist ein langfristiger Plan. Habe ich noch einen vierten Wunsch frei?

Salzperle: Nur zu.

Haase: Der Bahnhof und das Gelände ringsum als Eingangstor zur Stadt müssten saniert werden.

Salzperle: Wie viele der Wünsche sind tatsächlich realistisch?

Haase: Vielleicht alle. Aber sehr wahrscheinlich nicht mehr alle während meiner Amtszeit.

Salzperle: Was wollen Sie denn noch vor dem Ruhestand angehen?

Haase: Ich werde schon sehr bald Diskussionsrunden führen unter dem Titel „Quo vadis Schönebeck?“ Als Zeithorizont sehe ich etwa die nächsten 10-15 Jahre. Wir wollen und müssen analysieren, worin unsere Stärken und Schwächen vor allem unter dem Druck der schwindenden Bevölkerung liegen, müssen aber auch die politische Situation mit einbeziehen. Wir sind an der Schwelle eines neuen Denkens. Ich hatte vor Jahren das Gespräch mit Dr. Trümper gesucht. Aber zum damaligen Zeitpunkt blies mir der politische Wind sehr entgegen. Die Zeit war noch nicht reif dafür. Synergien mit Magdeburg wären und sind eine Menge vorhanden. Ich weiß nicht, welcher Weg der richtige sein wird. Aber darüber werden wir reden müssen, denn es geht um die Menschen hier vor Ort.

Salzperle: Vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch.